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Floris Italianer, Vorsitzender der Herzstiftung: ‚Je mehr Leute sich als Ersthelfer anmelden, desto besser‘

19 January 2017

Wenn Patienten bei einem Herzstillstand immer binnen der ersten sechs Minuten die richtige Hilfe erhalten würden, könnten viel mehr Menschen überleben. Nachbarschaftshilfe ist dafür unverzichtbar. Je mehr Leute sich als freiwillige Helfer anmelden, desto besser, sagt Floris Italianer, Vorsitzender der niederländischen Herzstiftung in einem Interview mit Stan The CPR Network.

Weniger Sterbefälle

Die Herzstiftung setzt sich dafür ein, mehr Ersthelfer anzuwerben. Sie macht darauf aufmerksam, wie wichtig Nachbarschaftshilfe und ein gutes Notrufsystem sind. In den letzten 50 Jahren investierte die Herzstiftung 400 Millionen Euro u.a. in Forschung, Prävention und Therapiemaßnahmen. Mit Erfolg: Viel weniger Menschen erlagen in dieser Zeit einer Herz- oder Kreislauferkrankung. In den 60er Jahren starb noch jeder Zweite daran, derzeit ist es jeder Vierte.

Gesund leben

Als die Herzstiftung gegründet wurde, war eigentlich wenig darüber bekannt, wie wichtig es ist, gesund zu leben: Bewegung, gutes Essen und nicht rauchen. Dank des Engagements von Ärzten, Forschern, Behörden und Spendern sowie aufgrund von Bildungsmaßnahmen gibt es immer weniger Menschen, deren Leben sich von einem Augenblick auf den anderen dramatisch verändert, etwa durch einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder Kreislaufstillstand.

Gesellschaftlicher Nutzen

Auch ökonomisch betrachtet kann sich das Ergebnis durchaus sehen lassen. Forschungen der Erasmus-Universität zeigen, dass jeder investierte Euro einen gesellschaftlichen Nutzen von 14 Euro einbrachte.

6-Minuten-Zone

Es ist das ultimative Ziel der nächsten 50 Jahre, alle Herz- und Gefäßkrankheiten von unserem Planeten zu verbannen. Die Herzstiftung setzt hierbei auf vier Schwerpunkte. Einer davon ist die 6-Minuten-Zone: Jede Person, die außerhalb eines Krankenhauses einen Herzstillstand erleidet, muss so schnell wie möglich und auf jeden Fall binnen 6 Minuten reanimiert werden, um eine bestmögliche Überlebenschance zu garantieren.

Nachbarschaftshilfe

Dieses Ziel soll nicht etwa innerhalb der nächsten fünfzig Jahre, sondern schon in den nächsten fünf Jahren erreicht werden. Dabei ist die Nachbarschaftshilfe unverzichtbar, weil Rettungswagen, rein rechtlich gesehen, erst binnen 15 Minuten vor Ort sein müssen.

Prävention

Ein weiterer Schwerpunkt der Politik ist die Prävention. Rauchen zum Beispiel ist eine Katastrophe für Herz und Gefäße. Die Zahl der Raucher ist in den letzten Jahrzehnten bereits beträchtlich gesunken. Aber es gibt immer noch zu viele Raucher, auch unter den Jugendlichen. Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nimmt zu und ist ein enormes Problem. Daher richten sich viele Präventionsmaßnahmen der Herzstiftung an junge Menschen.

Regie über das eigene Leben

Dritter Schwerpunkt bleibt die Strukturforschung, während der vierte „die Regie über das eigene Leben“ ist. Die Zeiten, als der Arzt über die Behandlung bestimmte, sind vorbei. Patienten erhalten, auch durch das Internet, immer mehr Einblick und fordern ein Mitspracherecht bei der Behandlung. Die Herzstiftung bietet eine individuelle Betreuung bei Fragen an, wir bekommen diesbezüglich gut 12000 Anrufe pro Jahr.

AEDs

Zudem wollen wir verstärkt den Fokus auf die Erforschung der AED-Daten richten. Die Defibrillatoren speichern alle Daten. Diese können einen großen Beitrag leisten, sowohl bei der Therapie eines individuellen Patienten als auch allgemein. Ein Beispiel dafür ist die ARREST-Studie unter der Leitung des Kardiologen Ruud Koster. So sind die AED-Daten bei der Erkennung von Mustern, die etwa die Ursachen eines Herstillstands betreffen, behilflich.

Besorgniserregend

Jeder Nachbarschaftshelfer muss sich direkt an ein Ersthelfersystem anschließen können. Es gibt in den Niederlanden immer noch ‘weiße Flecken’, Gegenden mit Notrufleitstellen, die noch keine freiwilligen Ersthelfer aufrufen. Das finde ich wirklich besorgniserregend und darum sind wir mit den betroffenen Parteien im Gespräch. Von diesen Gesprächen ausgehend bin ich aber davon überzeugt, dass sich das Problem lösen wird.

Keine Verpflichtungen

Die Behörden sollten die Leitstellen und die Bürger nicht zwingen, an einem System für Nachbarschaftshilfe teilzunehmen. Nachbarschaftshilfe entwickelt sich von den beteiligten Personen selbst aus. So etwas funktioniert grundsätzlich besser als Verpflichtungen, die einem von oben auferlegt werden.

Ersthelfer

Profitieren kann man davon, die Flexibilität der Ersthelfer bei den Angaben zu Verfügbarkeit und Aufenthaltsort zu maximieren. Ideal wäre ein komplett GPS-gesteuertes System, das nur die Ersthelfer benachrichtigt, die sich auch tatsächlich innerhalb der 6-Minuten-Zone des Patienten befinden.

Vorbereitung

Ersthelfer müssen sich optimal auf ihre Aufgabe vorbereiten, damit sie nicht in Panik geraten, wenn sie schließlich einen Notruf bekommen. Auch nach einem Einsatz sollten sie angemessen begleitet werden. Die Bindung von und zwischen den Ersthelfern führt dazu, dass sie sich auch strukturell involviert fühlen.